Für wen Export-Factoring interessant ist und warum Factoring in Österreich generell noch in den Kinderschuhen steckt, erklärt Unternehmensberater Czerweny-Arland im Interview
Offene Forderungen, auf deren Einlagen Unternehmen lange warten müssen, können für die Liquiditätssituation unangenehme Folgen haben. Was das Inlandsfactoring für Forderungen im eigenen Land leisten kann, ist mit dem sogenannten Export-Factoring auch auf ausländische Debitoren umzumünzen. Wie das genau funktioniert, warum es teurer ist als das Inlands-Factoring, wo die Gefahren liegen und für welche Unternehmen das überhaupt interessant ist, erklärt der Unternehmensberater Martin Czerweny-Arland im Gespräch mit derStandard.at.
derStandard.at: Was unterscheidet das Export-Factoring grundlegend vom “normalen”, Inlands-Factoring?
Martin Czerweny-Arland: Der Name selbst erklärt schon den prinzipiellen Unterschied: Beim Export-Factoring geht es um Forderungen, die Unternehmen aus Exportgeschäften entstehen. Der Ablauf ist prinzipiell ähnlich dem Inlandsfactoring, für die Factorbank stellt sich aber vor allem die Bonitätsprüfung um einiges komplizierter dar. Im Inland kann ich relativ gut und leicht eine Bonitätsprüfung durchführen, im Ausland, denken Sie beispielsweise an Zentral- und Osteuropa, sieht das schon ganz anders aus. Zumeist wird ein lokales Factoringunternehmen beigezogen. Das ist aus meiner Sicht der Hauptpunkt, der die Kosten im Export-Factoring nach oben treibt.
derStandard.at: Beim Export-Factoring werden zwei Factor-Banken zwischengeschalten. Wie funktioniert das?
Czerweny-Arland: Import-Factor und Export-Factor arbeiten hier quasi “hinter dem Rücken des Kunden zusammen”. Das Unternehmen hat nur Kontakt zum Export-Factor. Sämtliche Zahlungen, Fakturaweiterleitungen, Delkrederehaftungen oder -zahlungen zwischen Export- und Import-Factor organisiert sich der Export-Factor so, wie er sich das im Innenverhältnis ausgemacht hat. Ob Import- und Exportfactor ein und dasselbe Unternehmen beziehungsweise ein Tochterunternehmen ist, ist dem Kunden zu Recht egal.
derStandard.at: Heißt das dann, dass sich die Kosten beim Export-Factoring verdoppeln?
Czerweny-Arland: Nicht verdoppeln, aber es wird immer teurer als Inlandsfactoring sein, allein wegen der komplexeren Bonitätsprüfung. Andererseits ist auch ohne Factoring die Betreibung der Forderungen im Ausland in zumeist fremder Sprache und anderen Kulturen auch nicht gerade einfach. Beim Export-Factoring handelt es sich zumeist um ein echtes Factoring, das ist natürlich einerseits Risikominderung, andererseits ein wesentlicher Kostentreiber. Gerade hier müssen kleinere Unternehmen aufpassen. Das Delkredererisiko, also das Risiko des Zahlungsausfalls des Kunden, ist für die meisten Unternehmen ja ein sehr essentielles, teilweise sogar ein lebenswichtiges. Zur Kostenfrage darf ich Ihnen aber versichern: der Factoring-Prozess ist per se nicht günstig. Es bleibt immer eine Abwägungsfrage: Was erspare ich mir dadurch, was kostet es mich?
derStandard.at: Für welche Unternehmen ist das Export-Factoring überhaupt von Interesse?
Czerweny-Arland: Eigentlich nur für Unternehmen mit einem Umsatz von fünf bis 40, 50 Millionen. Wir arbeiten vorwiegend mit Unternehmen mit einem Umsatz über 100 Millionen Euro, für die ist das an sich kaum ein Thema. Klassischerweise ist es vor allem für Zulieferbetriebe interessant, die üblich sehr bonitätsstarke Kunden im Ausland haben, die ihren Lieferanten die Zahlungsziele diktieren können. Bonitätsstarke Unternehmen mit Marktmacht können leicht Zahlungsziele von 90 Tagen bis 180 Tage netto diktieren. Wenn die Verhandlungsmacht des Kunden so stark ist, dann ist das Thema Factoring wirklich ein wesentliches. Dann habe ich als Unternehmen zur Liquiditätsbeschaffung vorab nämlich zwei Möglichkeiten: Erstens: Ich kann einen Zessionskredit beantragen, um an das Geld zu kommen. Zweitens: Ich kann meine Forderungen mittels Factoring verkaufen. Oder ich kann einfach auf mein Geld warten.
Wenn man aber in komplizierte Verhältnisse oder Länder geht – nehmen Sie Pakistan, den asiatischen, afrikanischen oder arabischen Raum – da muss man sich ganz andere Sachen überlegen: Gibt es für diese Regionen überhaupt Export-Factoring, besteht die Möglichkeit einer Kreditversicherung, sind Akkreditive eine Alternative, bietet die OeKB (Österreichische Kontrollbank) Exportfinanzierung oder Exportgarantien an, wie sieht das politische Risiko aus, und so weiter. Da werden Sie sehr oft mit alt eingesessenen Instrumenten wie den schon erwähnten Akkreditiven, die ein defacto Zug-um-Zug-Geschäft ermöglichen, oft besser fahren. Kleinere Unternehmen haben meiner Erfahrung nach häufig nicht das nötige Know-how und/oder personelle Ressourcen, um das relativ komplizierte Thema der Akkreditive erfolgreich abzuwickeln.
derStandard.at: Warum ist, im Gegensatz beispielsweise zum anglo-sächsischen Raum, Factoring in Österreich immer noch eher ein Randthema?
Czerweny-Arland: Factoring ist eines der Kreditsubstitute, das am österreichischen Markt unglaublich lange gebraucht hat, um hier überhaupt Fuß zu fassen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen unterliegt das Factor-Unternehmen in Österreich dem Bankwesengesetz, das heißt, dass eine Banklizenz notwendig ist. Außerdem wurde das Abtretungsverbot erst 2005 aufgehoben. Und wir haben auch nach wie vor die Belastung der 0,8 Prozent Rechtsgeschäftsgebühr. Alle genannten Gründe haben aus meiner Sicht die Entwicklung des Themas als Kreditsubstitut massiv behindert. Diese Eintrittsbarrieren hat es beispielsweise in Deutschland nicht gegeben, deswegen ist der deutsche Raum mit über 170 Factoring-Anbietern natürlich heterogener als der österreichische, was auch den Wettbewerb anheizt. Das führt natürlich auch dazu, dass die Factoring-Kosten für den Exporteur interessanter sind.
derStandard.at: So mancher Experte verspricht sich gerade in Zeiten knapper Liquidität viel vom Factoring. Glauben Sie, dass das Factoring zu einer Hochblüte gelangen wird?
Czerweny-Arland: Das Thema Kreditsubstitute an sich, genauso wie das Thema weg von der Geld- hin zur Kapitalmarktfinanzierung, steckt in Österreich immer noch in den Kinderschuhen. Auch wenn viele Experten am österreichischen Markt hier das Thema schon kommen sehen haben, muss ich sie doch ein bisschen bremsen. Wir haben in Österreich einfach die Mentalität, keine komplette Transparenz zu geben, und das ist ein wesentlicher Unterschied zum anglosächsischen Raum, wo das Thema Transparenz zur Selbstverständlichkeit gehört. Das ist aus meiner Sicht die Hauptursache für die langsame Entwicklung des Themas Kreditsubstitute oder Kapitalmarktfinanzierung in Österreich.
Dennoch: 2005 war das Volumen aller Zessionskredite bei rund zehn Milliarden, das Factoring-Volumen lag in dem selben Jahr bei 4,3 Milliarden, 2008 legte es auf 6,3 Milliarden Euro zu. Vor allem wenn man davon ausgeht, dass Zessionskredite vollkommen normal in der täglichen Finanzpraxis sind, ist das natürlich im Verhältnis betrachtet ein beachtlicher Sprung. Um konkret auf Ihre Frage zu antworten: Ich sehe Potenzial, ja, aber es wird dauern. Ich kenne kaum Unternehmen, die Export-Factoring machen. Es gibt leider keine schlüssigen Aufstellungen für den österreichischen Markt, wie hoch das Volumen des Export-Factorings ist. Das wird nach meiner Überzeugung seine Gründe haben, warum das nicht so wie in Deutschland oder in der Schweiz offengelegt wird. Häufig wird aber statt Export-Factoring in der Praxis die relativ gebräuchliche Kreditversicherung verwendet. Diese versichert das Delkredererisiko, bringt aber keine zusätzliche Liquidität. Nach den aktuellen Limitkürzungen der Versicherer könnte sich aber eine zusätzliche Nachfrage nach Export-Factoring auftun.
derStandard.at: In der Liste der negativen Auswirkungen des Factoring wird auch immer wieder der Punkt des schlechten Images aufgelistet. Glauben Sie auch, dass das Factoring zu Imageproblem bei Unternehmen führen kann?
Czerweny-Arland: Es ist jetzt sehr schwer, ein klares Ja oder Nein zu sagen. Es kann durchaus zu einem Imageproblem führen. Ich glaube, das ist genau dasselbe Problem, wie vom Geldmarkt zum Kapitalmarkt, wie von klassischer Kreditfinanzierung zu Kreditsubstituten. Das wird in den Köpfen noch einige Zeit dauern. Auf der anderen Seite muss man sich als Unternehmen selbst überlegen, ob man ein mögliches “Imageproblem” aushalten will oder kann. Die bis dato angebotenen Finanzierungsinstrumente im Export sind: Eine Kreditversicherung, Zessionskredite, Dokumenteninkassi, Akkreditive oder Export-Factoring. Das sind die fünf Instrumente plus der Exportförderung, um die es sich in Österreich dreht. Im Endeffekt ist es eine Rechensache. Was zahlt sich aus, wie ist das Unternehmen personell und organisatorisch ausgestattet? Inwieweit möchte das Unternehmen auch von einem Partner abhängig sein? Wenn hier einmal die Entscheidung für einen Partner getroffen wurde und ganze Prozesse wie das Mahnwesen, die Fakturierung, das Inkasso ausgelagert wird, fällt es dem Unternehmen mitunter schwer, bei Unzufriedenheit mit dem Partner, alle Prozesse wieder zurückzunehmen und wieder intern abzuwickeln. Das sehe ich neben einem möglichen Imageproblem als viel größere Gefahr.
derStandard.at: Ein weiterer Vorteil, den man dem Factoring zuschreibt, ist die Bilanzverkürzung.
Czerweny-Arland: Prinzipiell führt Factoring ja nicht automatisch zu einer Bilanzverkürzung, das muss man dazusagen. Es ist ein Aktivtausch, also Forderungen aus Lieferungen und Leistungen gegen Kassa. Dann gilt es, mit diesem Geld auch etwas Sinnvolles zu tun. Zum Beispiel kurzfristige Verbindlichkeiten zurückzuzahlen. Erst dann habe ich eine Bilanzverkürzung und gegebenenfalls eine Verbesserung der Eigenkapitalquote. Ich kenne auch einige größere Unternehmen, die kurz vor Jahresabschluss ein Factoring machen und so quasi für die Bilanz-Legung Forderungen los werden. Gerade, wenn das auf die Eigenkapitalquote spielt, ist es natürlich auch für das Rating eine sehr kurzfristige aber möglicherweise interessante Alternative. (Daniela Rom, derStandard.at, 8.11.2009)